Tim

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Die Geschichte von Tim

Ich bin nach der Schule fast immer auf der Straße mit Kumpels unterwegs. Ich gehe nicht gerne nach Hause. Ich bleibe lieber solange es geht draußen.

Zu Hause ist immer Stress. Seit mein Vater arbeitslos ist, ist es besonders schlimm. Früher hatte ich nach der Schule wenigstens ein paar Stunden Ruhe vor ihm. Aber jetzt hängt er den ganzen Tag auf dem Sofa vor dem Fernseher rum. Er guckt kaum hoch, wenn jemand ins Zimmer kommt. Mit ihm ist gar nichts mehr los.

Meine Mutter hat ihre Arbeit noch. Wenn sie nach Hause kommt, geht das Theater erst richtig los. Sie meckert herum, weil er nicht einkaufen war und nicht abgewaschen hat. Wenn er alles gemacht hat, findet sie trotzdem einen Grund ihn anzumachen.

Meine Mutter putzt ihn richtig runter. Sie nennt ihn einen Nichtsnutz. „Du bringst nichts auf die Reihe“, wirft sie ihm an den Kopf. „Ich habe es ja immer gewusst, du bist und bleibst ein Versager.“ Meckert und meckert. Ich kann das nicht mehr hören. Manchmal ist sie so laut, dass die Nachbarn alles hören können. Das finde ich total peinlich.

Auch auf der Straße motzt sie ihn an. Ihr ist das egal, dass fremde Menschen mitkriegen, wie sie meinen Vater behandelt. Ich stehe dann daneben und kämpfe mit meinen Wuttränen. Mein Vater wehrt sich nie, ich weiß nicht, warum er sich alles gefallen lässt.

Meine Mutter hat früher nur meinen Vater beschimpft, aber jetzt kriege ich auch was ab, wenn ich zu Hause bin. Ich sei genau so ein Loser wie er, eine Null, eine Witzfigur.

Als sie mich mal so richtig fertiggemacht hat, bin ich abgehauen. Hab die Tür zugeschlagen und raus. Draußen habe ich nachgedacht, zu wem ich gehen könnte. Ich bin dann zu meinem Freund Felix. Seine Mutter ist echt nett. Sie hat gesagt, dass sie mir helfen will, wenn ich damit einverstanden bin. Ich habe ok gesagt. Ich wünsche mir, dass meine Mutter mit dem ständigen Meckern aufhört und dass mein Vater wieder eine Arbeit bekommt.

Die Mutter von Felix hat sich für mich an das Jugendamt gewandt und dort erzählt, wie es mir geht und dass ich Hilfe brauche.

Ein paar Tage später kam eine Frau vom Jugendamt vorbei. Meine Mutter war erst ziemlich sauer, dass ich die ganze Sache weitererzählt habe. Die Frau vom Amt hat aber erklärt, dass sie uns unterstützen will, dass es uns allen wieder besser geht, auch meiner Mama. Sie meinte, es sei nicht wichtig, wer Schuld an der Situation hat, wichtig sei, wie wir aus der Nummer wieder rauskommen.

Sie hat vorgeschlagen, dass ein Familienhelfer jede Woche einmal zu uns kommt, mit dem wir über unsere Probleme reden können. Da darf jeder ausreden und kann alles erzählen, was er will. Und die anderen müssen zuhören. Zusammen wird geguckt, wie wir uns wieder besser vertragen können.

Wenn der ganze Zoff aufhören würde, wäre das toll. Ich hoffe, das bringt wirklich was.